Äthiopien

Die aktuelle Situation in Tigray: Ein Bericht unserer Großmutter

Frau in traditioneller äthopischer Kleidung steht vor ärmlicher Häuserreihe in Ankubar

Die Region Tigray im Norden Äthiopiens war von 2020 bis 2022 Schauplatz eines schweren Krieges. Zwar wurde ein Friedensabkommen geschlossen, doch die Lage bleibt für viele Menschen vor Ort weiterhin prekär. Große Teile der Infrastruktur sind zerstört, die Versorgung ist eingeschränkt, und ein flächendeckender Wiederaufbau hat bislang kaum stattgefunden. Die Menschen verharren im anhaltenden Krisenzustand.

Dieser Text verbindet persönliche Erzählungen unserer Großmutter mit einer vorsichtigen Einordnung der Lage. Die Aussagen unserer Großmutter aus Tigray sind subjektive Schilderungen ihres Erlebens und ihrer Wahrnehmung vor Ort. Sie zeigen, wie sich die Situation für sie und ihr Umfeld anfühlt, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit für die gesamte Region.

Aus dem Alltag in Tigray: Erzählung unserer Großmutter

Unsere Großmutter lebt weiterhin in Tigray, obwohl die Lage schwierig und unsicher ist. Auch zwei ihrer Enkelkinder im Alter von 16 und 20 Jahren sind dort. Sie bleibt bei ihnen, weil sie hofft, sie dadurch schützen zu können.

Bildung und Versorgungslage

In ihren Erzählungen wird deutlich, wie stark der Krieg den Alltag verändert hat. Sie berichtet, dass Kinder früher regulär zur Schule gingen, heute aber teilweise nur noch in Zelten unterrichtet werden. Besonders bei Regen und Kälte sei das sehr schwer. Viele Schulen sind zerstört oder nicht mehr nutzbar. Unterricht findet oft nur unter provisorischen Bedingungen statt.

Außerdem beschreibt sie die Versorgungslage als sehr angespannt. Es fehlt an allem. Nahrung, medizinische Versorgung und sauberes Wasser seien in vielen Gegenden nur eingeschränkt verfügbar. Viele Menschen sind geflüchtet, und in manchen Orten fehlt es selbst an den wichtigsten Lebensmitteln.

Sicherheit von Frauen und Kindern

Auch die Sicherheitslage beschreibt sie als weiterhin instabil. Abends könne man nicht einfach hinausgehen. Es sei gefährlich, und viele Menschen hätten Angst. Besonders stark sei die Sorge, dass der Krieg erneut ausbrechen könnte. Nach ihrer Wahrnehmung ist für viele Menschen ein normales und sicheres Alltagsleben bis heute nicht möglich.

Besonders belastend sind ihre Berichte über Frauen und Kinder. Sie spricht von sexualisierter Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe. Viele Frauen leben in Angst. Kinder seien oft traumatisiert und werden unzureichend betreut. Unsere Großmutter sagt auch sehr klar: „Niemand vor Ort will diesen Krieg.“ Gleichzeitig erzählt sie, dass jede Familie Angehörige verloren hat.

Ein weiterer Punkt, den sie anspricht, sind Entführungen mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen. Solche Aussagen lassen sich aus der Distanz nicht immer unabhängig belegen. Dennoch gehören auch solche Berichte zu dem Unsicherheitsgefühl, das viele Menschen vor Ort offenbar weiterhin erleben.

Hintergrund und Einordnung

Das Pretoria-Abkommen vom 2. November 2022 beendete die großflächigen Kampfhandlungen formal, aber die humanitären Folgen sind bis heute gravierend. UN-OCHA bezeichnete Tigray auch 2025 weiter als Krisenregion; 2026 warnen internationale Beobachter erneut vor Instabilität und möglicher Eskalation.

Viele grundlegende Dienstleistungen sind weiterhin stark beeinträchtigt. UNICEF schreibt für 2026, dass in Tigray Hunderttausende Binnenvertriebene in überfüllten Camps mit begrenztem Zugang zu essenziellen Diensten leben und die erwartete Rückkehr von mehr als 500.000 Menschen in eine Umgebung mit schwer gestörten Basisdiensten erfolgen soll. Auch die Versorgung mit Wasser, Gesundheit und Bildung bleibt vielerorts lückenhaft.

Besonders Kinder sind stark betroffen. ReliefWeb berichtete bereits, dass rund 2,4 Millionen schulpflichtige Kinder in Tigray über drei Schuljahre hinweg keinen regulären Unterricht hatten und ein Großteil der Schulgebäude beschädigt wurde. Zwar gibt es einzelne Wiederaufbauprojekte, doch sie stehen in keinem Verhältnis zum Ausmaß der Zerstörung.

Auch die Lage von Frauen bleibt erschütternd. Human Rights Watch dokumentierte schwere sexualisierte Gewalt im Kontext des Tigray-Krieges. Ein Bericht von Physicians for Human Rights und Partnerorganisationen aus dem Jahr 2025 spricht von systematischer konfliktbezogener sexualisierter und reproduktiver Gewalt in Tigray und ordnet sie als mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

Die Sicherheitslage bleibt fragil. Human Rights Watch hielt für 2026 fest, dass interne Spannungen in Tigray und neue Zusammenstöße an den Regionalgrenzen die Instabilität vertieft haben. Anfang 2026 führten neue Spannungen und militärische Bewegungen sogar zu Flugausfällen nach Tigray und erneuten Ängsten vor einem Rückfall in den Krieg.

Quellen

United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA): Ethiopia: Humanitarian Update, 27 March 2025. (aufgerufen am 23.4.2026)

UNICEF: Ethiopia Appeal. Humanitarian Action for Children, 2026. (aufgerufen am 22.4.2026)

ReliefWeb: Tigray, Ethiopia: helping children stay in school. (aufgerufen am 21.4.2026)

Human Rights Watch: World Report 2025: Ethiopia (aufgerufen am 21.4.2026)

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